Tina Voß im Gespräch

Tina Voss_c_Marx Theis

Der erste Fall von Liv Mika wirft sie mitten in einen Mädchenhandelring. Für dieses Thema hast Du lange recherchiert, um die Problematik glaubwürdig beschreiben zu können. Ist die Realität grausamer oder harmloser als im Thriller beschrieben?

Ich musste leider feststellen, dass ich mir kaum etwas ausdenken kann, was es so oder ähnlich nicht schon gibt. Hinter dem an sich unfassbaren Mädchenhandel steht ja noch etwas Ungeheuerlicheres. Als ich anfing, mich damit intensiv zu beschäftigen, stellte ich erschüttert fest, dass solche Grausamkeiten von hochzivilisierten Nationen in Auftrag gegeben werden. Früher dachte ich auch, dass „Schweigen der Lämmer“ ein Phantasieprodukt wäre. Kürzlich las ich ein Fachbuch über Psychopathen und stellte fest, dass einer der geschilderten Fälle die Grundlage der Romane von Thomas Harris war. Das reale Leben hält mehr Abgründe bereit, als ein Autor erfinden kann. Spannend wird es, wenn man einige Dinge miteinander verknüpft und dann weiterdenkt.

Die Journalistin hat nicht nur mit ihrem Fall zu kämpfen, sondern auch mit sich selbst – problembeladene Ermittler gibt es aber inzwischen schon dutzendfach. Was macht Liv besonders?

Die Figur hatte ich als Erstes im Kopf. Ich wollte keinen polizeilichen Ermittler, der in der Realität bestimmten Zwängen unterliegt. Unsere Behörden haben viele Vorschriften, die während einer Ermittlung beachtet werden müssen. Ich mag zwar eine gewisse dichterische Freiheit, aber es dürfen keine groben Fehler drin sein. So war mir das Korsett für eine Polizistin zu eng. Ich habe alle Fakten im Thriller von Pathologen, Polizisten, Ärzten, Chemikern, Tierärzten, Journalisten, Molekurlarbiologen, einem Prof. der Kriminologie usw. checken lassen. Auch in Kiew selber hatte ich einen sachkundigen Führer, mit dem ich mich in die dunklen Ecken gewagt habe.

Welche Berufsgruppe ist neugierig, gibt sich nicht mit den ersten Antworten zufrieden, ist motiviert, den Dingen auf den Grund zu gehen? Journalisten! So war Livs Beruf auch von Beginn an klar. Früher gab es in der Literatur recht eindimensionale Helden, die nur in dem Fall zu leben schienen. Z.B. Miss Marple. Das hat sich radikal gewandelt. Viel spannender ist doch, was eine Figur bewegt? Warum hat sie Angst vor bestimmten Dingen? Was motiviert sie bis in die Haarspitzen, niemals aufzugeben? Wie liebt und lebt sie? All das muss für mich in eine Geschichte mit einfließen. Wir Menschen wollen andere Menschen begreifen und das können wir nur, wenn wir sie als Ganzes kennen. An dem Lebenslauf von Liv habe ich Monate gearbeitet, habe Aktienverläufe geprüft, Redaktionssitzungen besucht, Chefredakteure befragt und mit Psychologen über die Grundlagen ihrer Ängste gesprochen.

Nach unterhaltsamen Frauenromanen ist dies Dein erster Thriller. Warum der Genrewechsel?

Ich bin seit frühester Jugend ein Thriller-Fan. Mit dreizehn habe ich meinen Schülerausweis gefälscht, um das damals böseste Buch zu bekommen: „Der Exorzist“. Danach waren alle Teile des Weißen Hai oder Stephen King-Romane viel zu langweilig. Liv war lange vor den Frauenromanen da, sie musste nur ein wenig reifen, da der Plot und Figurenbau im Thriller viel komplexer ist als im Chicklit. Zumindest für mich. Allerdings machen die lustigen Frauenromane auch unglaublich Spaß. Der Handlungsrahmen ist viel freier und ich durfte albern und absurd sein. Jede Verrücktheit, die ich mal erlebt habe, konnte ich noch weiter drehen und mir chaotische Situationen einfallen lassen. Ein Thriller ist Arbeit. Alles muss sitzen. Die Spuren müssen sinnvoll gesetzt sein, aber dürfen nicht zu viel verraten. Die Motive aller Figuren und das damit verbundene Handeln müssen glaubhaft sein. Jede Figur hat bei mir einen Lebenslauf, ein persönliches Interview, das ich fiktiv geführt habe und auch eine Ausarbeitung zu Vorlieben, Familie, Beruf und allem drum herum. An den Wänden kleben beim Plotten und Schreiben überall große Flipchart-Blätter mit Zeitabläufen, Fragen, Pfeilen und Ideen. Gerade wenn ich die Handlung mit verschiedenen Perspektiven und/oder Zeitebenen ausstatte, wird es schnell sehr komplex und ich versuche mit großen Schaubildern alle Fäden in der Hand zu halten. Es dauert einige Monate, bis ich mit dem eigentlichen Schreiben anfange. Bis dahin habe ich ca. 80% der Geschichte skizziert. Erst, wenn ich weiß, wo ich hin möchte, fang ich auch wirklich an zu schreiben.

Voss_Weggeworfen_NEU_ElementsVoss_VergangenDu liest selbst auch sehr viel – welche Autoren bzw. Bücher waren für Dich ein Vorbild, hast Du besonders spannende Empfehlungen?

Mein Held der Jugend ist Thomas Harris mit den Hannibal-Lector-Romanen, aber mein großes Vorbild ist eindeutig Stieg Larsson. Seine Figuren haben eine unglaubliche Tiefe, sind spannend, glaubhaft und das alles hat er in komplexe Handlungsstränge verwoben. Bei seinen Büchern hatte ich mich schon vor zehn Jahren gefragt, was macht er anders? Warum ist er so spannend? Weil mir das keine Ruhe gelassen hat, habe ich das Handwerk Schreiben von Grund auf gelernt. Ich habe aber auch Mo Hayder verschlungen, vor allem „Die Behandlung“. Dazu lese ich gerne Kathrin Lange und Andreas Eschbach, von denen ich mein Handwerk gelernt habe. Tess Gerritsen, Elizabeth George, Lee Child, Karen Slaughter, Jo Nesbo usw. Es gibt so viele grandiose Autoren!

“Weggeworfen” ist der erste von drei geplanten Fällen der Journalistin – was erwartet Liv und damit auch den Leser im nächsten Roman?

Vor drei Jahren erzählte ich einer Freundin von einer völlig ausgeuferten Nacht auf einer Klassenfahrt im Rahmen einer Erwachsenenweiterbildung. Sie stellte damals die Frage zu einer Mitschülerin: „Sag mal, weißt du, was aus der geworden ist?“ Ich zuckte zusammen, weil auf einmal eine unglaubliche Geschichte da war. Sofort schrieb ich alles auf. Was kann nach einer schicksalhaften Nacht mit den Menschen passieren? Wenn man schockiert herausfindet, dass zwei Menschen nicht mehr leben? Um die Lebenswege zu zeichnen, bin ich auf ein russisches Containerfrachtschiff gegangen und habe eine Reise als geduldeter Passagier mitgemacht. Im Januar bin ich auf eine kleine, seltsame Inselgruppe in der Nähe von Afrika geflogen, um einer meiner Figuren in ein anderes Leben zu folgen. Ich freue mich wahnsinnig darauf, Liv wieder loszuschicken. Zumal ich auch schon ahne, dass sie im dritten Teil in ihre eigene Vergangenheit zurück muss und dabei schlimme Dinge rausfindet, die ihre Welt in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

Recherchereise nach Kiew 2012