Interview mit der Jugendbuch-Autorin Susanne Fülscher

Susanne Fülscher widmete sich nach ihrem Germanistik- und Romanistikstudium in Hamburg sehr schnell dem Schreiben. Bisher sind von ihr über 50 Romane und Kurzgeschichten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene erschienen, die mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt wurden. Susanne Fülscher lebt als freie Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Berlin. Bei Edel Elements sind inzwischen über ein Dutzend ihrer Romane neu im Ebook veröffentlicht worden – von “Die Kussagentur” über die “Stadtgeflüster”-Reihe und viele mehr.

Das Interview führte die Edel Elements Verlegerin Karla Paul:


Susanne Fülscher (2)Liebe Frau Fülscher – Sie haben bereits über 50 Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht sowie Drehbücher geschrieben, haben zahlreiche Preise erhalten und durften gerade gemeinsam mit dem Carlsen Verlag ein ganzes Jahrzehnt ihrer erfolgreichen Mia-Reihe feiern! Wir freuen uns sehr, so viele Ihrer Bücher bei uns neu zu veröffentlichen

Was begeistert Sie bis heute für Kinder- und Jugendbuchliteratur, welche Motivation hatten sie beim ersten Roman und welche Ideen & Wünsche haben Sie beim Schreiben für den Nachwuchs beibehalten?

Susanne Fülscher: “Bei meinem ersten Jugendbuch „Schattenmonster“ habe ich mich intuitiv für die Zielgruppe Jugendliche und das Genre Realistischer Roman entschieden. Gut 25 Jahre später weiß ich immer noch keine eindeutige Antwort darauf, was mich am Schreiben für Kinder und Jugendliche so fasziniert. Eine mögliche Antwort: Ich möchte Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern, sie unterhalten und zum Lachen bringen, ihnen aber auch Werte wie Toleranz, Empathie und Respekt mit auf den Weg geben, sie in der bisweilen schwierigen Umbruchphase ihres Lebens unterstützen und zu starken Persönlichkeiten machen. Darüber hinaus gibt es aber noch einen weiteren Grund: Ich schreibe Bücher für mein „inneres Kind“. Ich hole mir die Freundschaften meiner Kindheit zurück, konfrontiere mich mit Problemen, die ich damals hatte oder auch welche, die mir fremd sind, ich konstruiere Welten, in denen ich gerne gelebt hätte. Das bereichert mein Leben ungemein.”

Jugendliche sind inzwischen dank Internet mit anderen Vor-, aber auch Nachteilen konfrontiert als noch vor ein bis zwei Jahrzehnten. Laut Wissenschaftlern tritt auch die berühmte, gefürchtete Pubertät wesentlich früher ein. Was verbindet die Generationen weiterhin miteinander, welche Probleme bleiben bis heute wichtiges Thema in Ihren Romanen?

Susanne Fülscher: “In der Tat hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges verändert. Jugendliche haben durch das Internet Zugang zu allen denkbaren Informationen, müssen aber auch mit der oft ungefilterten Datenflut zurechtkommen. Beispiel Pornografie: Schon Kinder werden heutzutage damit konfrontiert. Das hinterlässt Spuren. Manche Jugendliche können kaum noch zwischen Fiktion und Realität unterscheiden … Auf der anderen Seite sind Kinder und Jugendliche heute oft wesentlich konservativer und moralischer als zu meiner Zeit – das stelle ich immer wieder mit Erstaunen bei meinen Leserunden fest. Dennoch gibt es generationsübergreifende Themen oder vielmehr universelle Erfahrungen. Auch Jugendliche von heute erleben die erste Liebe, den ersten Liebeskummer. Sie entdecken die Sexualität für sich, egal, was sie bereits im Internet konsumiert haben. Sie müssen mit Schulproblemen klarkommen, werden vielleicht ausgegrenzt oder gemobbt, sie haben Ängste und Minderwertigkeitskomplexe etc. Und immer stellt sich die Frage: Wer bin ich? Wie finde ich meinen Platz im Leben?”

Im Idealfall vermittelt eine gute Lektüre unabhängig vom Alter neben Unterhaltung auch weitere Werte und Informationen, ohne jedoch belehrend zu wirken. Wie schwierig ist es als Autorin, diesen schmalen Grat zu schaffen und auf der einen Seite für die Literatur zu begeistern, Spannung zu schaffen – aber eben auch z.B. das Selbstbewusstsein und soziales Miteinander zu fördern und wichtige Probleme zu thematisieren?

Susanne Fülscher: “Genau diese Gratwanderung ist es, die für mich den Reiz beim Schreiben ausmacht. Ich vertraue dabei auf mein Gefühl, einen fluffig-leicht erzählten Stoff mit gesellschaftlich relevanten Themen gekonnt zu verweben. Der Spaß an der Geschichte soll immer im Vordergrund stehen, aber die Kinder dürfen auch gerne eine neue Erkenntnis gewinnen. Zum Beispiel, dass ein Liebespaar auch ohne Trauschein glücklich sein kann, dass eine lesbische Lehrerin etwas Selbstverständliches ist, dass Beziehungen zu Ende gehen, man aber nicht daran zerbrechen muss, dass man auch mal Nein sagen und sich gegen die Peergroup stellen darf.”

Neben spannenden Inhalten – wie können wir Kinder aus Ihrer Sicht noch für Literatur begeistern und diese Leidenschaft auch bei Jugendlichen beibehalten? Was können zum Beispiel Eltern, aber auch die Buchbranche allgemein dafür tun?

Susanne Fülscher: “Eltern sollten ihre Kinder so früh wie möglich an Bücher heranführen und ihnen vermitteln, dass es durchaus spannend sein kann, in eine Romanwelt abzutauchen, vielleicht sogar spannender als auf dem Handy zu daddeln. Damit alle Kinder die Chance haben, das für sie passende Buch zu finden, muss die Bandbreite entsprechend groß sein. So wie manchen Kindern und Jugendlichen Bücher kaum dick genug sein können, sind andere damit überfordert. Seit einiger Zeit setzt der Carlsen-Verlag mit der Clips-Reihe auf Förderung leseschwacher Kinder. Dabei handelt es sich um Romane in Kurzform, die in einfacher, direkter Sprache geschrieben sind und sich mit Lebenswirklichkeit der Jugendlichen auseinandersetzen. In dieser Reihe erscheint von mir 2018 ein Roman zum Thema Konsum.”

Wie entstand damals ihre eigene Leidenschaft fürs Lesen – welche Bücher haben Sie als Kind immer wieder gelesen (oder vorgelesen bekommen)?

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Die beliebte Kinderbuch-Autorin Astrid Lindgren.

Susanne Fülscher: “Oh, das wird eine sehr persönliche Antwort. Ich habe mich als Kind oft dem Essen verweigert und meine Mutter hat mir, damit ich überhaupt etwas runterbringe, vorgelesen. Ein Märchen gegen eine halbe Scheibe Brot … Ich habe Märchen geliebt! Später, als ich selbst lesen konnte, habe ich mich für Astrid Lindgren begeistert. „Wir Kinder aus Bullerbü“, „Ferien auf Saltkrokan“, „Madita“, „Michel in der Suppenschüssel“ und „Pippi Langstrumpf“ – das war meine Welt. Mit zwölf bekam ich „Harriet – Spionage aller Art“ von Louise Fitzhugh geschenkt. Das war der Moment, in dem ich wusste: Ich will schreiben! Wie Harriet habe ich alles Wichtige in meinem Spionageheft notiert, daneben Tagebuch geführt, Romananfänge und Gedichte geschrieben.”

Können Sie uns einen kleinen Einblick in ihren Alltag geben – wann und wo schreiben Sie und wie lange dauert eigentlich ein Schreibprojekt von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung beim Verlag?

Susanne Fülscher: “Mein Arbeitsalltag ist recht strukturiert. Ich schreibe etwa fünf Seiten am Tag. Dann gibt es aber auch Phasen, in denen ich den Text wieder und wieder überarbeite, bevor er ins Lektorat geht. Nebenher ist noch jede Menge anderes zu tun: Lesungen, Leserunden begleiten, Recherche, Plots ausarbeiten, Korrekturfahnen lesen, Austausch mit meinen Lektoren und Lektorinnen, Buchhaltung etc. Von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung können zwei bis drei Jahre vergehen.”

Für alle diejenigen, die Ihnen als Autorin nachfolgen wollen: haben Sie drei kurze Tipps für Nachwuchsautoren, die Sie beim Start gerne gehabt hätten?

Susanne Fülscher: “Viel lesen, noch mehr schreiben und sich immer wieder kritisch mit dem eigenen Text auseinandersetzen.”

Sie sind als Autorin nicht nur im Bücher schreiben sehr aktiv, sondern stehen mit Ihren Lesern auch via Twitter, Facebook und auf dem eigenen Blog in Kontakt! Welche Bedeutung haben die sozialen Medien für Sie als Schriftstellerin, welche Vorteile bietet der direkte Austausch mit den Lesern?

Susanne Fülscher auf Instagram
Susanne Fülscher auf Instagram

Susanne Fülscher: “Die sozialen Medien haben mehr verändert, als ich es mir hätte vorstellen können. In meinen Anfängen habe ich mehr für mich allein geschrieben und hatte kaum Kontakt zu meinen Lesern und Leserinnen. Das ist heute anders. Inzwischen stehe ich in ständigem Austausch mit meinem Publikum. Das direkte Feedback ist mir sehr wichtig. Ich nehme mir Kritik und Anregungen zu Herzen, achte aber darauf, immer noch authentisch zu bleiben.”

Gibt es noch Schreibwünsche, die bis heute offen geblieben sind? Wollen Sie möglicherweise mal einen blutigen Psychothriller für Erwachsene oder aber Drehbücher für Netflix schreiben?

Susanne Fülscher: “Oh ja, ich kann mir alles Mögliche vorstellen. Sehr gerne würde ich einen Psychothriller für Erwachsene schreiben, Seriendrehbücher sowieso, vielleicht auch mal einen Roman aus männlicher Perspektive. Gerade der ständige Wechsel zwischen den Altersklassen und Genres macht das Schreiben so interessant.”

Am Schluss würden wir uns natürlich über einen kleinen Ausblick auf die Zukunft freuen: an welchen Projekten arbeiten Sie gerade, was wird hoffentlich schon bald erscheinen?

Susanne Fülscher: “Zurzeit schreibe ich an Band zwei einer neuen Mädchenbuch-Reihe für Carlsen; Band eins kommt bereits im Herbst raus – “Pasta mista: Fünf Zutaten für die Liebe”! Gerade ist bei Piper mein neuer Erwachsenenroman „Das rosa Haus am Meer“ erschienen, der auf der kleinen italienischen Insel Procida angesiedelt ist. Es geht um die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einer alten Dame, die ihre Existenz verloren hat, einer jungen Frau, die erst noch ihren Platz im Leben finden muss und einem hypochondrischen Krankenpfleger, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Das vor dem Hintergrund eines wohl gehüteten Familiengeheimnisses.
Und zu guter Letzt freue ich mich auf den elften Mia-Band, der im April 2018 veröffentlicht wird!”


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Alle Informationen über Susanne Fülscher: 

Webseite: http://www.susanne-fuelscher.de/

Blog: http://susanne-fuelscher.blogspot.de/

Facebook: https://www.facebook.com/susanne.fulscher

Twitter: https://twitter.com/SusanneFlscher

Instagram: https://www.instagram.com/sfuelscher/

 

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